Kerzen lesen, ohne sich etwas einzubilden: Eine DAX-Woche im Detail
Eine Kerze zeigt vier Zahlen und behauptet nichts. Was man aus einer Woche DAX tatsächlich ablesen kann - und wo die verbreitete Musterdeutung anfängt, Unsinn zu erzählen.
Eine Kerze enthält vier Zahlen: Eröffnung, Hoch, Tief, Schluss. Mehr nicht. Alles, was darüber hinaus behauptet wird - Hammer, Doji, Morning Star und der ganze Katalog - ist Interpretation, und die meiste davon hält keiner Auswertung stand.
Trotzdem lohnt sich der Blick auf die Kerzen. Nur eben auf andere Größen als die üblichen: die Spanne des Tages, die Lage des Schlusses darin und die Überlappung zum Vortag.
Die drei Größen, die tatsächlich etwas sagen
Die Spanne. Hoch minus Tief. Sie misst, wie weit der Markt an einem Tag gehandelt hat. Eine Spanne, die deutlich über dem Durchschnitt der Vorwochen liegt, sagt: Es gab Uneinigkeit über den richtigen Preis. Eine sehr enge Spanne sagt: Es gab keine.
Die Lage des Schlusses in der Spanne. Schließt der Kurs im oberen Fünftel der Tagesspanne, hat die Käuferseite den Tag bis zum Schluss behauptet. Das ist die einzige Kerzeneigenschaft, für die ich in eigenen Auswertungen einen halbwegs stabilen, wenn auch kleinen Effekt finde.
Die Überlappung zum Vortag. Wenn eine Tagesspanne die vorherige kaum berührt, ist ein Preisbereich übersprungen worden. In liquiden Indizes werden solche Lücken meistens wieder geschlossen - aber „meistens" heißt in meinen Daten rund 70 Prozent binnen zwanzig Handelstagen, und das ist nahe dem, was ein Zufallsprozess ohnehin liefert.
Was diese Woche zeigt
Der Wochenverlauf hat ein Merkmal, das für die Einordnung wichtiger ist als jede Musterbezeichnung: Die Bewegung ist nicht gleichmäßig entstanden - der größte Einzeltag lieferte mit +1,45 Prozent gut ein Viertel des Wochengewinns, und dieser Tag hatte eine externe Ursache.
Das spricht nicht gegen die Bewegung, aber dafür, sie anders zu behandeln als eine, die sich über fünf Tage gleichmäßig aufgebaut hat. Der Anteil, der an einem Tag auf eine Nachricht entstand, ist eine Neubewertung der Risikoprämie, also des Aufschlags, den Anleger für Unsicherheit verlangen, und lässt sich durch eine gegenläufige Nachricht ebenso schnell rückgängig machen.
Die Formulierung „der Chart zeigt". Ein Chart zeigt gar nichts, er stellt Preise dar. Wer schreibt, ein Chart „zeige eine Bodenbildung", hat eine Prognose in eine Beschreibung geschmuggelt. Ich versuche, Beschreibung und Deutung in getrennten Sätzen zu halten - das ist mühsamer zu lesen und ehrlicher.
Wie ich Kerzen praktisch nutze
Als Gedächtnisstütze für den Kontext, nicht als Signal. Wenn ich am Freitag den Wochenbericht schreibe, schaue ich mir die fünf Kerzen an und stelle drei Fragen: Wo lag die größte Spanne, an welchem Tag ist der Schluss deutlich vom Hoch oder Tief entfernt gelandet, und gab es eine Lücke. Das sind die Tage, an denen etwas passiert ist - und dann suche ich, was.
Die Kausalität läuft also vom Chart zur Recherche, nicht vom Chart zur Prognose.
Dieser Beitrag erklärt die Darstellungsform und ist keine Anlageberatung. Die Kerzen im Diagramm sind bis auf Anfangs- und Endwert konstruiert.
Quellen
Stand der Recherche: 5. August 2026. Kurse und Kennzahlen können sich seither verändert haben.