Clarity Act gescheitert: Was 49 zu 50 Stimmen am Kryptomarkt verändert haben
Am 15. September verfehlte das US-Marktstrukturgesetz für Kryptowerte im Senat die nötigen 60 Stimmen. Bitcoin fiel um mehr als 5 Prozent, 85 Prozent der Liquidationen trafen Long-Positionen, und sechs Tage später flossen 999 Millionen Dollar in die ETFs.
Der US-Senat hat den Clarity Act am 15. September 2026 nicht auf den Weg gebracht. Für den Antrag, die Debatte zu beenden und zur Beratung überzugehen (Cloture), wären 60 Stimmen nötig gewesen, das Ergebnis war 49 zu 50. Ein Marktstrukturgesetz für Kryptowerte ist damit in diesem Jahr kaum noch möglich, und mit dem neuen Kongress im Januar 2027 beginnt das Verfahren formal von vorn. Der Markt hat das Votum am Tag selbst heftig verarbeitet und eine Woche später weitgehend abgehakt. Ich lese die schnelle Erholung vor allem als Aussage über die Positionierung vor dem Votum und weniger als Urteil über die Bedeutung des Gesetzes.
Was im Senat passiert ist
Das Repräsentantenhaus hatte seine Fassung bereits im Juli 2025 verabschiedet. Im Senat dauerte es fast ein Jahr, bis der Bankenausschuss das Gesetz im Mai 2026 weitergab, mit den Stimmen aller Republikaner und zweier Demokraten. Am 15. September stimmten dann die Republikaner Susan Collins, Josh Hawley, Jerry Moran und Thom Tillis gemeinsam mit den Demokraten. Tillis wechselte dabei bewusst von Ja zu Nein: Nur wer mit der siegreichen Seite stimmt, darf später eine erneute Abstimmung beantragen. Diesen Antrag hat er noch am selben Tag gestellt.
Gescheitert ist das Gesetz nach der Zusammenfassung der Kanzlei DLA Piper weniger an der geplanten Aufteilung der Aufsicht zwischen Börsenaufsicht SEC und Terminmarktaufsicht CFTC als an Nebenbestimmungen. Die Gegner kritisierten zu eng gefasste Ethikregeln für Amtsträger mit Kryptobeteiligungen, eine alleinige Durchsetzung durch das Justizministerium und ein Auslaufen der Ethikklausel am 20. Januar 2029. Dazu kam die Sorge einer Gruppe von 18 Generalstaatsanwälten, dass Bundesrecht die Betrugsbekämpfung der Bundesstaaten aushebelt. Das Repräsentantenhaus ging am Tag nach dem Votum in die Pause bis nach den Zwischenwahlen im November.
Wie der Markt reagiert hat
Bitcoin verlor am Tag des Votums mehr als fünf Prozent und rutschte zeitweise unter 75.000 Dollar. Ether fiel unter 2.400 Dollar, XRP gab um über neun Prozent nach. Die Aktien von Coinbase und Circle büßten jeweils mehr als zehn Prozent ein.
Am Derivatemarkt wurden binnen 24 Stunden Positionen von rund 110.000 Händlern im Wert von über 666 Millionen Dollar zwangsweise geschlossen. Eine solche Liquidation passiert, wenn die hinterlegte Sicherheit einer gehebelten Position nicht mehr reicht und die Börse sie automatisch glattstellt. 568 Millionen Dollar davon, also 85 Prozent, entfielen auf Long-Positionen, Wetten auf steigende Kurse.
Diese 85 Prozent halte ich für die aufschlussreichste Zahl des Tages. Sie besagen, dass ein großer Teil des gehebelten Kapitals auf ein Ja gesetzt war. Ein Markt, der mit dem Scheitern gerechnet hätte, hätte bei diesem Ergebnis deutlich weniger Zwangsverkäufe produziert. Aus der Intensivpflege kenne ich das Muster: Der Ausschlag eines Messwerts sagt oft mehr über den Zustand vorher als über den Auslöser.
Am Montag darauf, dem 21. September, flossen 998,95 Millionen Dollar netto in die US-Spot-ETFs, der höchste Tageszufluss des Jahres. Kein einziger Fonds meldete einen Abfluss, BlackRocks IBIT führte mit 381,37 Millionen. Bitcoin stieg über 86.000 Dollar. Der Bloomberg-Analyst James Seyffart schätzt den durchschnittlichen Einstandspreis der ETF-Anleger auf etwa 81.722 Dollar, der typische ETF-Halter lag damit zum ersten Mal seit Januar wieder im Gewinn.
Was der Wettmarkt einpreist
Auf der Prognoseplattform Kalshi lag die Wahrscheinlichkeit, dass der Clarity Act oder ein vergleichbares Gesetz vor dem 1. Januar 2028 in Kraft tritt, zwei Tage nach dem Votum bei 27 Prozent. Für den 1. Oktober 2027 waren es 25 Prozent, für den 1. Juli 2027 nur 11 Prozent. Der Kontrakt mit der längsten Laufzeit hatte Anfang September noch bei rund 60 Prozent gehandelt.
Ich lese diese Reihe wie eine Terminkurve, also wie die Preise für dieselbe Sache zu verschiedenen Fälligkeiten. Für das erste Halbjahr 2027 erwartet der Markt kaum etwas, die Hoffnung wird in die zweite Jahreshälfte verschoben. Das passt zum Kalender: Ein neuer Kongress muss das Gesetz neu einbringen und erneut durch die Ausschüsse bringen, und wie sich die Mehrheiten nach dem 3. November verteilen, ist offen.
Kalshi-Kontrakte auf Gesetzgebung sind dünn gehandelt, und ein Sprung von 60 auf 27 Prozent kann auch an wenigen großen Orders hängen. Ich nutze die Zahlen als groben Anhalt für die Richtung der Erwartung, nicht als Wahrscheinlichkeit, mit der sich rechnen ließe.
Was sich am Datenbild ändert
Weniger, als die Schlagzeilen nahelegen. Die SEC und die CFTC arbeiten nach Angaben von DLA Piper bereits an Regeln auf Grundlage ihrer bestehenden Befugnisse. Das geht schneller als ein Gesetz, lässt sich aber von einer späteren Regierung wieder zurücknehmen. Für Anlegerinnen und Anleger in der EU gilt ohnehin die europäische MiCA-Verordnung, an deren Rahmen das Votum in Washington nichts ändert.
Für meine eigene Auswertung ziehe ich eine konkrete Konsequenz. Die ETF-Nachfrage nach Bitcoin war sechs Tage nach dem Scheitern zurück und größer als vorher. Regulatorische Klarheit ist für diese Nachfrage im Moment offenbar kein Engpass. Anders sieht es bei Token aus, deren Einordnung als Wertpapier oder Rohstoff am Gesetz hängt; XRP hat am 15. September fast dreimal so viel verloren wie Bitcoin. Ich gewichte Regulierungsnachrichten deshalb bei Bitcoin niedriger als bei Altcoins und Börsenaktien. Offen bleibt, ob der Liquidationstag die gehebelten Long-Positionen bereinigt hat oder ob sie seit dem Rücksprung über 86.000 Dollar schon wieder aufgebaut werden. Das prüfe ich in den nächsten Tagen an der Funding Rate, der Gebühr, die Long- und Short-Seite bei unbefristeten Futures regelmäßig untereinander ausgleichen.
Kryptowährungen sind hochvolatil, ein Totalverlust ist möglich. Dieser Beitrag beschreibt ein politisches Ereignis und seine Marktwirkung und ist keine Anlageberatung. Alle Kurse, Flüsse und Wahrscheinlichkeiten stammen aus den unten genannten Quellen mit Stand 15. bis 22. September 2026.
Quellen
- Senate fails to advance the CLARITY Act: Top points22.09.2026
- Senate Vote Leaves CLARITY Act in Limbo Ahead of Midterms17.09.2026
- Bitcoin Falls Below $75,000, Crypto Stocks Plunge as Clarity Act Vote Fails16.09.2026
- Bitcoin-ETFs erreichen mit Zuflüssen in Höhe von 999 Millionen US-Dollar ein Jahreshoch für 202622.09.2026
Stand der Recherche: 23. September 2026. Kurse und Kennzahlen können sich seither verändert haben.