EZB bei 2,25 Prozent: Was ein Zinsschritt mit Ihrem Geld macht
Im Juni hat die EZB zum ersten Mal seit drei Jahren die Zinsen erhöht. Was das für Tagesgeld, Anleihen, Aktien und Kredite bedeutet - in der Reihenfolge, in der es tatsächlich ankommt.
Am 11. Juni 2026 hat die Europäische Zentralbank den Einlagesatz um einen Viertelprozentpunkt auf 2,25 Prozent angehoben. Es war die erste Zinserhöhung im Euroraum seit drei Jahren. In der Juli-Sitzung blieb es dabei; die nächste Entscheidung fällt am 9. und 10. September.
Was das mit Ihrem Geld zu tun hat, hängt vor allem davon ab, wo es liegt: Anleihekurse reagieren sofort, neue Tagesgeldangebote nach Tagen bis Wochen, die Inflation erst nach ein bis zwei Jahren.
Was da eigentlich erhöht wurde
Die EZB legt keinen Zins für Sie fest. Sie legt fest, zu welchen Konditionen Geschäftsbanken bei ihr Geld parken oder leihen können. Der Einlagesatz ist der Zins, den eine Bank bekommt, wenn sie überschüssiges Geld bei der Zentralbank hinterlegt. Er liegt jetzt bei 2,25 Prozent.
Daraus ergibt sich eine einfache Logik: Wenn eine Bank 2,25 Prozent risikolos bei der EZB bekommt, wird sie Ihnen für Ihr Tagesgeld nicht deutlich mehr zahlen wollen - und Ihnen einen Kredit nicht deutlich billiger geben.
Die Reihenfolge, in der es ankommt
Diesen Teil halte ich für den wichtigsten, weil er in den meisten Erklärungen fehlt: Ein Zinsschritt wirkt nicht überall gleichzeitig.
| Bereich | Wirkt nach | Was passiert |
|---|---|---|
| Anleihekurse | Sekunden | Kurse bereits gehandelter Anleihen fallen, wenn die Zinsen steigen |
| Neue Tagesgeld-Angebote | Tage bis Wochen | Banken passen Konditionen für Neukunden an |
| Bestehendes Tagesgeld | Wochen bis Monate | oft gar nicht, wenn Sie nicht wechseln |
| Neue Kredite und Hypotheken | Wochen | werden teurer |
| Investitionen der Unternehmen | Monate bis Jahre | Projekte werden verschoben oder gestrichen |
| Inflation | ein bis zwei Jahre | der eigentliche Zweck der ganzen Übung |
Ihr Tagesgeld
Für Sparerinnen und Sparer ist die Erhöhung erst einmal gut. Es gibt am Markt inzwischen Tagesgeldangebote bis zu vier Prozent. Drei Hinweise dazu, die ich für wichtiger halte als die Zahl selbst:
Erstens: Banken erhöhen für Neukunden zuerst. Wenn Sie seit Jahren dasselbe Tagesgeldkonto haben, bekommen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger als das, was dieselbe Bank gerade neu bewirbt. Ein Blick auf die eigene Kontoübersicht kostet fünf Minuten.
Zweitens: Vier Prozent nominal sind nicht vier Prozent real. Die Inflation in Deutschland lag im Juli bei 2,8 Prozent. Von vier Prozent Zinsen bleiben also rechnerisch rund 1,2 Prozent Kaufkraftgewinn - und davon geht noch die Abgeltungsteuer ab. Wer den Sparerpauschbetrag ausgeschöpft hat, landet real nahe null.
Drittens: Lockangebote sind zeitlich befristet. Viele Spitzenkonditionen gelten für sechs Monate und für einen begrenzten Betrag. Danach fällt der Zins oft deutlich. Das ist nicht unseriös, aber es gehört in die Rechnung.
Realzins = Nominalzins - Inflation - Steuern. Bei 4 Prozent Nominalzins, 2,8 Prozent Inflation und 26,375 Prozent Abgeltungsteuer inklusive Solidaritätszuschlag: 4 % × (1 - 0,26375) = 2,945 % nach Steuern, minus 2,8 % Inflation = rund 0,15 Prozent real. Tagesgeld schützt derzeit ungefähr die Kaufkraft, und für den Notgroschen ist genau das die richtige Aufgabe.
Ihre Anleihen
Hier ist der Zusammenhang am unmittelbarsten und wird am häufigsten missverstanden: Steigende Zinsen lassen die Kurse bestehender Anleihen fallen.
Der Grund ist arithmetisch. Wenn Sie eine Anleihe besitzen, die zwei Prozent zahlt, und neue Anleihen zahlen drei Prozent, will Ihre niemand mehr zum bisherigen Preis. Der Kurs fällt so weit, bis die Rendite bis zur Fälligkeit wieder konkurrenzfähig ist.
Wie stark der Kurs fällt, hängt an der Restlaufzeit. Eine grobe Faustregel: Der Kursverlust entspricht ungefähr der Restlaufzeit in Jahren multipliziert mit der Zinsänderung in Prozentpunkten. Ein Prozentpunkt Zinsanstieg kostet eine zehnjährige Anleihe also rund zehn Prozent Kurs, eine zweijährige rund zwei Prozent.
Zur Einordnung: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen liegt aktuell bei 3,14 Prozent, in der Nähe des höchsten Standes seit fünfzehn Jahren. Wer vor drei Jahren langlaufende Anleihen gekauft hat, sieht das im Depot deutlich. Wer heute kauft, bekommt dafür einen Zinssatz, den es lange nicht gab.
Ihre Aktien
Hier wird es unschärfer. Es gibt mehrere Wirkungsrichtungen, und sie laufen teils gegeneinander:
- Bewertung: Höhere Zinsen machen zukünftige Gewinne heute weniger wert. Das trifft besonders Unternehmen, deren Gewinne weit in der Zukunft liegen - typischerweise Wachstumswerte.
- Konkurrenz: Wenn es risikolos 2,25 Prozent gibt, muss eine Aktie mehr bieten, um attraktiv zu bleiben.
- Geschäft: Banken verdienen an höheren Zinsen. Unternehmen mit hohen Schulden verlieren.
Deshalb funktioniert die verbreitete Formel „Zinsen rauf, Aktien runter“ in der Praxis oft nicht. Der DAX hat am 3. August ein Rekordhoch erreicht, obwohl die EZB im Juni erhöht hat.
Was ich selbst mache
Nichts. Das folgt direkt aus dem, was oben steht: Ein Viertelprozentpunkt wirkt auf die Inflation in ein bis zwei Jahren. Mein Anlagehorizont sind Jahrzehnte. Eine Depotumstellung wegen eines Zinsschritts würde Kosten verursachen, deren Wirkung ich sicher kenne, für einen Vorteil, den ich nicht kenne.
Was ich schon gemacht habe: Ich habe geprüft, was mein Tagesgeldkonto tatsächlich zahlt. Es waren 0,6 Prozent. Das war ein lohnender Nachmittag.
Dieser Beitrag erklärt allgemeine Zusammenhänge und ist keine Anlageberatung. Er berücksichtigt Ihre persönliche Situation, Ihre Steuerlage und Ihre Anlageziele nicht. Zinssätze und Konditionen ändern sich laufend; die genannten Stände beziehen sich auf Anfang August 2026.
Quellen
- EZB erhöht Leitzins auf 2,25 Prozent11.06.2026
- Bis zu vier Prozent aufs Tagesgeld2026
- EZB: Key ECB interest ratesabgerufen 03.08.2026
Stand der Recherche: 24. Juli 2026. Kurse und Kennzahlen können sich seither verändert haben.