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Funding, Basis und Open Interest: Ein Drei-Faktor-Modell für Long-Squeeze-Risiko

Eine hohe Funding-Rate allein sagt nichts. Erst die Kombination mit Basis-Kompression und steigendem Open Interest bei stagnierendem Preis beschreibt ein Umfeld mit erhöhtem Liquidationsrisiko.

Selin KayadelenOn-Chain-Analyse & Krypto-Derivate
3 Min Lesezeit

Wenn Perpetual-Futures teuer werden, taucht in jedem Marktkommentar der Satz auf, die Positionierung sei „überhitzt“. Als Beleg dient die Funding-Rate. Für sich allein führt sie in beide Richtungen in die Irre: Es gibt lange Phasen mit hoher Funding-Rate ohne Liquidationsereignis, und es gibt Liquidationskaskaden aus moderatem Funding heraus. Erhöhtes Liquidationsrisiko zeigt erst die Kombination aus drei Signalen: hohes Funding, eine schrumpfende Basis (der Aufschlag des Terminkontrakts auf den Kassapreis) und ein steigender Open Interest (die Summe aller offenen Kontrakte) bei stagnierendem Preis.

Die Mechanik in einem Absatz

Ein Perpetual Future (kurz Perp) hat keinen Verfallstermin. Damit sein Preis nicht von der Kasse, also dem Spot-Markt, wegläuft, zahlen alle acht Stunden die Teilnehmer der einen Seite an die der anderen: Notiert der Perp über der Kasse, zahlen Longs an Shorts. Die Funding-Rate ist also der Preis, den gehebelte Long-Positionen für ihr Exposure zahlen. Hohes Funding bedeutet: Longs sind bereit, für Hebel zu zahlen. Es bedeutet nicht automatisch, dass sie schlecht kapitalisiert sind.

Warum drei Faktoren nötig sind

Ein Liquidationsereignis braucht drei Bedingungen gleichzeitig. Fehlt eine, entsteht in der Regel nur eine geordnete Korrektur.

Die drei Komponenten und ihre jeweilige Aussage. Schwellen aus eigenen Auswertungen, Beispielwerte.
FaktorMessgrößeSchwelleWas er anzeigt
Kosten des HebelsFunding-Rate, 3-Tage-Mittel> 0,03 % / 8hBereitschaft, für Long-Exposure zu zahlen
StrukturBasis 3-Monats-Future, annualisiertKompression > 4 pp in 10 TAbsicherungsangebot verschwindet
HebelmasseOpen Interest in Coin-Einheiten+15 % in 10 T bei Preis ±3 %Neue Positionen ohne Preisfortschritt

Der dritte Punkt ist der wichtigste und der am häufigsten falsch gemessene. Open Interest muss in Coin-Einheiten betrachtet werden, nicht in Dollar. Ein in Dollar gemessener Open Interest (OI) steigt allein durch einen steigenden Preis, ohne dass eine einzige neue Position eröffnet wurde. Wer die Dollar-Reihe verwendet, misst in Aufwärtsphasen systematisch einen Positionsaufbau, der nicht stattfindet.

0.060.040.01-0.02-0.04T-11T-8T-5T-3T-1TFunding-Rate je 8h-Periode (%)
Funding-Rate im Vorlauf eines Liquidationsereignisses. Synthetische Beispieldaten zur Illustration des Musters.

Der zusammengesetzte Score

Lt = ⅓ · ( zFt + zBt + zOIt ) · 𝟙[ |Δp10| < 3 % ] zF = z-Score der Funding-Rate, also ihr Abstand vom 90-Tage-Mittel in Standardabweichungen
zB = z-Score der negativen Basisveränderung
zOI = z-Score der OI-Veränderung in Coin-Einheiten
𝟙[·] = Indikator: nur aktiv, wenn der Preis stagniert

Die Indikatorfunktion schaltet den Score nur bei stagnierendem Preis scharf, und darauf kommt es an. Steigt der Open Interest bei gleichzeitig steigendem Preis, ist das ein gesunder Trend - die neuen Positionen sind im Gewinn und haben Puffer. Steigt er bei stagnierendem Preis, sitzen die neuen Positionen nahe ihrem Einstand. Das ist die Konstellation, in der eine moderate Abwärtsbewegung eine Liquidationskette auslöst.

python · squeeze.py
import pandas as pd

def z(s, fenster=90):
    return (s - s.rolling(fenster).mean()) / s.rolling(fenster).std(ddof=0)

def squeeze_score(df, stagnation=0.03, fenster_kurz=10):
    '''
    df (Tagesfrequenz): funding_8h, basis_3m_ann, oi_coin, preis
    '''
    zf  = z(df["funding_8h"].rolling(3).mean())
    zb  = z(-df["basis_3m_ann"].diff(fenster_kurz))       # Kompression -> positiv
    zoi = z(df["oi_coin"].pct_change(fenster_kurz))

    dp = df["preis"].pct_change(fenster_kurz).abs()
    aktiv = (dp < stagnation).astype(float)
    return ((zf + zb + zoi) / 3.0) * aktiv

Was das historisch bedeutet

Ich habe die 24 größten Eintagesrückgänge in BTC seit 2019 betrachtet und geprüft, wie hoch L in den zehn Tagen davor war.

Verteilung des Scores vor Liquidationsereignissen. Beispielwerte, eigene Auswertung.
KennzahlWert
Ereignisse mit L > 1,5 im Vorlauf17 von 24 (71 %)
Tage mit L > 1,5 insgesamt4,8 % der Historie
Anteil der L->1,5-Tage mit Ereignis binnen 10 T22 %
Median Vorlaufzeit6 Tage
Wie man diese Zahlen liest

Der Score erfasst 71 Prozent der Ereignisse - das ist die Sensitivität. Von den Tagen mit hohem Score folgt aber nur in 22 Prozent der Fälle ein Ereignis. Das heißt: vier von fünf Warnungen sind Fehlalarme. Für eine Positionsreduktion ist das brauchbar, weil die Kosten eines Fehlalarms gering sind. Für einen Short-Einstieg ist es unbrauchbar, weil dort die Kosten eines Fehlalarms hoch sind.

Praktisch reduziere ich bei L > 1,5 die gehebelte Komponente meiner Position auf null und halte nur unbelastetes Spot-Exposure. Das kostet in vier von fünf Fällen ein Stück Rendite. Im fünften Fall spart es einen Drawdown, also einen Rückgang vom letzten Höchststand, dessen Größenordnung diese vier Fälle mehrfach überkompensiert.

Risikohinweis

Gehebelte Kryptoderivate können zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals führen, in Extremsituationen auch darüber hinaus. Dieser Beitrag ist eine Methodenbeschreibung, keine Anlageberatung. Alle Zahlen sind Beispielwerte.

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  • Basis
  • Open Interest
  • Liquidationen
  • Perpetuals
On-Chain-Analyse & Krypto-DerivateSelin Kayadelen

Selin Kayadelen hat zwölf Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet. Monitoring, Trendkurven, Frühwarnsignale - die Denkweise hat sie mitgenommen, als sie 2017 begann, Blockchain-Daten auszuwerten. Ihr Satz dazu: Ein einzelner Wert bedeutet nichts, die Veränderungsrate bedeutet fast alles.

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