EZB erhöht auf 2,50 Prozent: Warum die Bundrendite stieg und der Euro nachgab
Die EZB hebt den Einlagesatz auf 2,50 Prozent, die zehnjährige Bundrendite steigt auf rund 3,5 Prozent und damit so hoch wie zuletzt 2011. Bewegt hat der Ausblick: Die Kerninflation soll 2027 höher liegen als 2026.
Die EZB hat am Donnerstag bei ihrer auswärtigen Sitzung in Berlin alle drei Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben. Ein Basispunkt ist ein Hundertstel Prozentpunkt. Der Einlagesatz, zu dem Banken über Nacht Geld bei der Notenbank parken, steigt mit Wirkung vom 16. September von 2,25 auf 2,50 Prozent. Der Schritt war erwartet worden. Gewirkt hat deshalb der Ausblick: Die zehnjährige Bundrendite stieg auf rund 3,5 Prozent, den höchsten Stand seit 2011, und der Euro gab zum Dollar sogar leicht nach. Ich lese das als Urteil des Rentenmarkts, dass ein Zinsschritt von einem Viertelpunkt den Preisdruck nicht beendet.
Was die EZB als Begründung angibt
Die Pressemitteilung ist kurz und in einem Punkt ungewöhnlich deutlich: Der Konflikt im Nahen Osten erzeuge weiterhin Inflationsdruck, und die Inflation dürfte „für einen längeren Zeitraum deutlich über unserem Zielwert bleiben“. Auf einen Zinspfad legt sich der Rat ausdrücklich nicht fest.
Aufschlussreicher als der Text sind die neuen Projektionen der EZB-Fachleute:
| Größe | 2026 | 2027 | 2028 |
|---|---|---|---|
| Inflation gesamt (HVPI) | 3,0 % | 2,5 % | 2,1 % |
| Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel | 2,5 % | 2,6 % | 2,3 % |
| Wirtschaftswachstum | 0,9 % | 1,4 % | 1,5 % |
Die Werte für 2027 und 2028 wurden bei der Inflation nach oben revidiert, beim Wachstum für 2026 und 2027 ebenfalls. Mich interessiert vor allem die mittlere Zeile. Die Kernrate, also die Teuerung ohne die schwankungsanfälligen Posten Energie und Nahrungsmittel, soll 2027 mit 2,6 Prozent höher liegen als 2026. Das ist der Teil der Inflation, den ein Ölpreis nur über Umwege erreicht: über Löhne, Transportkosten und Preisaufschläge von Dienstleistern. Wenn die eigene Notenbank für das kommende Jahr eine steigende Kernrate erwartet, ist die Zinserhöhung eine Reaktion auf Zweitrundeneffekte und keine Reaktion auf den Ölpreis selbst.
Woher der Preisdruck kommt
Im August lag die Inflation im Euroraum bei 3,3 Prozent, höher war sie zuletzt im September 2023. Seit März hat sie den Zielwert von 2 Prozent jeden Monat um mehr als einen halben Prozentpunkt übertroffen. Laut NZZ verteuerte sich Energie im August um mehr als 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ohne Energie hätte die Inflation bei 2,2 Prozent gelegen, Dienstleistungen stiegen um 3 Prozent, Nahrungsmittel, Tabak und Alkohol nur um 1,2 Prozent.
Die NZZ weist auf den Punkt hin, der die Entscheidung umstritten macht: Gegen einen Angebotsschock, hier die gesperrte Straße von Hormus und einen Ölpreis wieder über 100 Dollar, haben Leitzinsen keinen direkten Hebel. Die EZB hat nach dieser Darstellung erst reagiert, als ihre Daten zeigten, dass sich die Inflationserwartungen verfestigen könnten. 2022 hatte sie den Energiepreisanstieg zunächst als vorübergehend eingestuft, danach stieg die Inflation auf über 10 Prozent.
Warum die Bundrendite stieg
Die Rendite einer zehnjährigen Anleihe setzt sich grob aus zwei Teilen zusammen: den erwarteten kurzfristigen Zinsen über die Laufzeit und einer Laufzeitprämie, also dem Aufschlag, den Anleger für das Risiko langer Bindung verlangen. Der Zinsschritt selbst betrifft vor allem das kurze Ende. Dass die lange Rendite nach der Veröffentlichung nochmals anzog, spricht dafür, dass der Markt höhere Zinsen für mehrere Jahre erwartet.
Lagarde nannte für den Renditeanstieg mehrere Ursachen, darunter schlicht Angebot und Nachfrage am Anleihemarkt. Zur Frage weiterer Schritte sagte sie, das sei in der Sitzung kein Thema gewesen. Der Markt sieht das anders. In einer Umfrage der Deutschen Bank vor der Sitzung erwarteten 31 Prozent der Teilnehmer bis Jahresende keine weitere Erhöhung, 37 Prozent einen Einlagesatz von 2,75 Prozent im Dezember, 26 Prozent sogar 3 Prozent.
Warum der Euro nicht stieg
Höhere Zinsen stützen eine Währung in der Regel, aber maßgeblich ist der Zinsabstand zu anderen Währungsräumen. Die EZB setzte den Referenzkurs auf 1,1616 Dollar fest, nach 1,1652 am Mittwoch. Am Terminmarkt wird für die Fed-Sitzung in der kommenden Woche laut dpa-AFX eine Zinserhöhung mit rund 70 Prozent eingepreist. Solange beide Notenbanken in dieselbe Richtung gehen, bleibt der Abstand ungefähr gleich, und der Euro bekommt keinen Rückenwind.
Anders zum Franken, und das sehe ich von Zug aus jeden Tag: Der Franken fiel am Nachmittag bis auf 0,9445 je Euro, auf Schlusskursbasis der schwächste Stand seit dem 31. März 2025. Die SNB hält ihren Leitzins seit Juni 2025 bei null, eine Erhöhung bei ihrer Sitzung am 24. September gilt als unwahrscheinlich. Hier wächst der Zinsabstand, und genau dort reagiert der Wechselkurs.
Was ich mir für das Regime notiere
In meiner Klassifikation ist das ein Straffungsregime mit steigendem Kurvenniveau, getrieben von einer Inflation, die aus der Energie kommt und in die Kernrate wandern soll. Ob sie das tut, ist die Annahme, auf der die ganze Projektion ruht. Ich werde die Kernrate der nächsten zwei Schnellschätzungen gegen den Projektionspfad von 2,5 Prozent halten. Liegt sie darunter, war der heutige Schritt vorsichtiger begründet, als die Bundrendite es gerade einpreist. Liegt sie darüber, sind die 37 Prozent aus der Umfrage zu wenige.
Dieser Beitrag ordnet eine Notenbankentscheidung ein und ist keine Anlageberatung. Kurse und Renditen beziehen sich auf den 10. September 2026 laut den unten genannten Quellen und können sich seither verändert haben.
Quellen
- EZB: Geldpolitische Beschlüsse10.09.2026
- NZZ: Die Inflation dürfte länger anhalten als erwartet, sagt die EZB-Präsidentin - und erhöht die Leitzinsen10.09.2026
- Devisen: Euro legt zum US-Dollar zu - EZB-Zinserhöhung bewegt kaum (dpa-AFX)10.09.2026
- Nach EZB-Zinsentscheid: Schweizer Franken fällt auf 17-Monate-Tief zum Euro10.09.2026
Stand der Recherche: 11. September 2026. Kurse und Kennzahlen können sich seither verändert haben.