Brent minus 13 Prozent: Wie viel Kriegsprämie noch im Ölpreis steckt
Brent schließt die Woche bei 98,32 Dollar, 13,3 Prozent tiefer als vor einer Woche. Im Juli lag der Preis bei 71 Dollar. Wie Brent im Herbst wieder über 100 kam und was davon an der Straße von Hormus hängt.
Der Frontkontrakt für Brent hat die Woche bei 98,32 Dollar beendet, 15,11 Dollar oder 13,32 Prozent unter dem Vorwochenschluss. Prozentual ist das der größte Wochenverlust seit April 2020. Gefallen ist vor allem die Erwartung, dass der Krieg weitergeht. An der Straße von Hormus hat sich physisch wenig geändert: Angriffe auf Tanker liegen weiter nahe Rekordniveau. Der Preis steht damit trotz des Rückgangs rund 27 Dollar über dem Tief vom Juli.
Wie Brent im Herbst über 100 Dollar kam
Zur Vorgeschichte: Der Krieg begann Ende Februar mit einem gemeinsamen Angriff der USA und Israels auf den Iran. Teheran schnitt kurz darauf die Straße von Hormus ab, durch die vor dem Krieg etwa ein Fünftel des weltweiten Öls und Flüssiggases lief. Brent stieg im April zeitweise auf 126 Dollar, fiel Ende Mai unter 100 und Anfang Juli auf 71 Dollar, als ein Waffenstillstand möglich schien.
Der zweite Anstieg kam in drei Schüben:
- September. Nach erneuten gegenseitigen Angriffen der USA und des Iran überschritt Brent am 9. September wieder 100 Dollar. Gleichzeitig weitete sich der Konflikt ins Rote Meer aus: Die Huthi-Milizen übernahmen den jemenitischen Hafen Mocha, die saudische Förderung fiel nach Angaben der Internationalen Energieagentur im August auf sechs Millionen Barrel pro Tag. Ende September lehnte Trump einen vorgeschlagenen Friedensvertrag ab.
- Anfang bis Mitte Oktober. Die Zahl der Angriffe auf Tanker in der Meerenge erreichte einen Höchststand für diesen Krieg. Am 8. Oktober stieg Brent um fünf Dollar auf 105,20. In der Woche bis zum 16. Oktober wurden mindestens neun Tanker und Frachter angegriffen, Brent schloss bei 109,86 Dollar.
- Ende Oktober. Am 22. Oktober meldeten die iranischen Revolutionsgarden Treffer auf vier Schiffe im nördlichen Golf, drei weitere liefen westlich der Meerenge auf Minen. Brent erreichte 112 Dollar, den höchsten Stand seit Mitte Mai. Zum 30. Oktober stand der Preis nach sechs Gewinnwochen in Folge bei gut 113 Dollar.
Was diese Woche den Preis gedrückt hat
Der Auslöser war politisch. Die Demokraten haben bei den Zwischenwahlen beide Kammern des Kongresses gewonnen. Am Mittwoch fiel Brent erstmals seit Anfang Oktober unter 100 Dollar. Der Markt rechnet damit, dass ein demokratischer Kongress die Kosten einer Fortsetzung oder Ausweitung des Kriegs für den Präsidenten erhöht. Am Freitag kamen Berichte hinzu, wonach Trump mit dem Emir von Katar über Vermittlung gesprochen hat.
Die Gegenposition hat ein Energiestratege von Macquarie formuliert: Um Trump tatsächlich zu binden, bräuchte der Kongress eine vetofeste Mehrheit in beiden Kammern, und die gibt es nicht. Militärische Optionen blieben auch im neuen Jahr verfügbar. Im September hatte Trump gesagt, der Krieg werde nach den Zwischenwahlen enden. Einen Zeitplan dafür hat er nicht genannt.
Ein Ölpreis hat zwei Bestandteile, die man getrennt betrachten sollte: die physische Knappheit und die Kriegsprämie, also den Aufschlag für das Risiko, dass es schlimmer wird. Diese Woche ist überwiegend Prämie abgeflossen. Die Menge hat sich kaum bewegt. Schiffsdaten zeigen zwar, dass sich einige Exporte aus der Region dank Begleitschutz der US-Marine teilweise erholen, aber Angriffe finden laut der britischen Seehandelsaufsicht UKMTO weiter fast auf Rekordniveau statt.
Warum der Preis nicht zurück auf 71 fällt
Der Unterschied zum Juli liegt in der Breite des Konflikts. Im Sommer ging es um eine Meerenge. Inzwischen ist das Rote Meer betroffen und mit Saudi-Arabien einer der größten Förderer selbst. Die koordinierten Freigaben strategischer Reserven über die Internationale Energieagentur dämpfen den Preis, aber ein Analyst von ANZ wies bereits im Oktober darauf hin, dass die angekündigten Mengen Teil des ursprünglichen Plans über 400 Millionen Barrel vom Kriegsbeginn sind und keine zusätzliche Reserve. Ein Puffer, der aufgebraucht wird, verschiebt Knappheit nach hinten.
Für Europa ist das relevant, weil der Ölpreis über die Inflation bei der EZB ankommt. Die Inflation im Euroraum lag im September bei 3,8 Prozent. Ein Brent-Preis unter 100 Dollar entlastet die Energiekomponente erst mit Verzögerung.
Was als Nächstes zählt
Die nächste Information kommt aus dem Weißen Haus: Trump will nach Agenturberichten bald über eine mögliche Wiederaufnahme des Kriegs entscheiden. Ich beobachte bis dahin weniger den Preis als die Zahl der Tankerdurchfahrten und die UKMTO-Meldungen. Wenn die Angriffe bei einem Brent-Preis unter 100 Dollar nicht zurückgehen, ist die Prämie dieser Woche zu schnell abgeflossen.
Dieser Beitrag beschreibt die Preisbildung am Ölmarkt und stellt keine Prognose und keine Anlageberatung dar. Die Lage am Golf verändert sich schnell; die genannten Preise beziehen sich auf den Stand vom 6. November 2026 laut den unten angegebenen Quellen. Je nach Kontrakt und Zeitpunkt weichen gemeldete Brent-Preise voneinander ab.
Quellen
- Brent oil touches $110 as Iran escalates Hormuz attacks16.10.2026
- Oil prices jump to five-month high as attacks threaten supply22.10.2026
- Front Month ICE Brent Crude Fell 13.32% This Week to Settle at $98.3206.11.2026
- Brent posts worst week since April 2020 amid post-midterms hopes for Iran detente06.11.2026
Stand der Recherche: 6. November 2026. Kurse und Kennzahlen können sich seither verändert haben.