Fed und EZB pausieren trotz Inflation, und die EZB verliert ihre Präsidentin
Die Fed hält den Leitzins bei 3,75 bis 4,00 Prozent, die EZB den Einlagensatz bei 2,50 Prozent, obwohl die Inflation im Euroraum bei 3,8 Prozent liegt. Am selben Tag kündigt Christine Lagarde ihren Abschied zum 7. Februar 2027 an.
Beide großen Notenbanken haben in dieser Woche nichts getan, und das ist die Nachricht. Die Fed hat am Mittwoch ihren Leitzins bei 3,75 bis 4,00 Prozent belassen, die EZB am Donnerstag den Einlagensatz bei 2,50 Prozent. Beide hatten im September noch angehoben, beide stehen vor einer Inflation, die deutlich über ihrem Ziel von zwei Prozent liegt. Die EZB verliert zudem im Februar ihre Präsidentin. Damit wird die Dezembersitzung zur Entscheidung unter doppelter Unsicherheit.
Die Fed: Pause mit zwei Gegenstimmen
Der Offenmarktausschuss der Fed (FOMC, das Gremium, das über den Leitzins entscheidet) stimmte mit zehn zu zwei Stimmen für eine Pause. Gouverneurin Lisa Cook und die Präsidentin der Fed von Cleveland, Beth Hammack, wollten sofort um 0,25 Prozentpunkte erhöhen. In der Erklärung heißt es, weitere Informationen sollen helfen, den angemessenen Kurs für eine „zeitnahe“ Rückkehr der Inflation zum Ziel zu bestimmen. Die Wirtschaft wachse in „starkem“ Tempo, eine Hochstufung gegenüber September.
Die Inflation in den USA lag im September bei 3,7 Prozent und damit nahe am Dreijahreshoch vom Mai. Nach einer Auswertung von Bespoke Investment Group liegt der Verbraucherpreisindex seit 66 Monaten über dem Zwei-Prozent-Ziel, die drittlängste solche Phase der vergangenen hundert Jahre. Eine Ökonomin der Brookings Institution hat den Widerspruch vor der Sitzung offen benannt: Wenn es im September einen Grund für eine Anhebung gab, gebe es ihn im Oktober genauso.
Mein Eindruck ist, dass die Fed die Wahl am 3. November nicht mit einem Zinsschritt kurz davor belasten wollte. Belegen lässt sich das nicht, und Fed-Chef Kevin Warsh hatte schon Anfang Oktober gesagt, die Lage entspreche im Großen den Erwartungen. Dass die kanadische Notenbank am selben Tag ihren Leitzins auf 2,5 Prozent anhob, zum ersten Mal seit Juli 2023, zeigt aber, dass andere Notenbanken den Preisdruck anders gewichten.
Die EZB: deutlich negativer Realzins
Bei der EZB ist der Abstand größer. Ein Einlagensatz von 2,50 Prozent bei einer Inflation von 3,8 Prozent bedeutet einen Realzins, also Zins minus Inflation, von etwa minus 1,3 Prozentpunkten. Geldpolitisch bremst das nicht, es nimmt nur etwas Gas weg. Die EZB argumentiert, sie könne Öl- und Gaspreise ohnehin nicht beeinflussen. Ihr Ziel sei, Zweitrundeneffekte zu verhindern: dass sich Löhne und Preise gegenseitig hochschaukeln und die Inflation sich festsetzt.
An den Finanzmärkten wird eine weitere Anhebung im Dezember erwartet, falls die Inflation nicht nachlässt. Dazu kommt ein zweites Thema, das die Notenbank nicht steuert: Die Staatsverschuldung Frankreichs ist auf einen Nachkriegsrekord von 119 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen, die Renditen französischer Anleihen ziehen an. Eine Notenbank, die gleichzeitig Inflation bekämpfen und auf die Finanzierungskosten eines großen Mitgliedsstaats achten muss, hat weniger Spielraum, als ihr Zinsniveau vermuten lässt.
Lagarde geht im Februar
Kurz vor dem Zinsentscheid teilte die EZB mit, dass Christine Lagarde ihr Amt zum 7. Februar 2027 niederlegt. Regulär wäre ihre Amtszeit bis Ende Oktober 2027 gelaufen. Zuletzt hatte es Hinweise gegeben, sie könnte das Weltwirtschaftsforum in Davos übernehmen. Der Zeitpunkt erlaubt es dem scheidenden französischen Präsidenten Macron und Kanzler Merz, die Nachfolge vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich im April 2027 zu regeln.
Als Favoriten gelten der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot und Pablo Hernández de Cos, derzeit Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat sich selbst ins Gespräch gebracht. Gleichzeitig werden zwei weitere Plätze im Direktorium frei: Isabel Schnabel wechselt Anfang Januar zum Internationalen Währungsfonds, die Amtszeit von Chefvolkswirt Philip Lane endet im Juni 2027. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding rechnet damit, dass die drei Posten spätestens beim EU-Gipfel am 17. und 18. Dezember als Paket besetzt werden.
Meine Einordnung lautet: Beide Pausen sind Abwarten vor einem Termin, bei der Fed vor der Wahl, bei der EZB vor neuen Daten, und keine Abkehr vom Straffungskurs. Sie wäre widerlegt, wenn beide Notenbanken im Dezember erneut stillhalten, obwohl die Inflation bis dahin nicht unter das Septemberniveau gefallen ist. Dann wäre das Inflationsziel praktisch gelockert, auch wenn es offiziell bleibt.
Was als Nächstes kommt
Am Dienstag wählen die USA den Kongress neu. Danach folgen der US-Arbeitsmarktbericht und die Verbraucherpreise für Oktober, in Europa die Schnellschätzung der Inflation für Oktober. Die Personalfrage an der EZB-Spitze ist bis Dezember offen. Wer Lagarde folgt, wird auch die Antwort auf die Frage mitbestimmen, wie lange die EZB eine Inflation von fast vier Prozent mit einem Einlagensatz von 2,50 Prozent hinnimmt.
Dieser Beitrag ordnet Notenbankentscheidungen ein und stellt keine Prognose und keine Anlageberatung dar. Zinssätze und Inflationsraten beziehen sich auf den Stand vom 28. bis 30. Oktober 2026 laut den unten angegebenen Quellen.
Quellen
- U.S. Fed holds interest rates steady despite surging inflation28.10.2026
- EZB hält an Leitzins von 2,50 Prozent fest29.10.2026
- ROUNDUP 3: Lagarde geht vorzeitig im Februar - Poker um EZB-Spitze29.10.2026
- Fed Leaves Rates Unchanged Despite Persistent Inflation28.10.2026
Stand der Recherche: 30. Oktober 2026. Kurse und Kennzahlen können sich seither verändert haben.