Demokraten gewinnen den Kongress: Wo die Wahl an den Kursen ankommt
Die Demokraten holen Senat und Repräsentantenhaus, der DAX steigt um 2,22 Prozent, der Dollar fällt auf ein Monatstief und Infineon verliert mehr als acht Prozent. Welche dieser Reaktionen einen echten Übertragungsweg hat und welche nicht.
Die Demokraten haben bei den Zwischenwahlen am 3. November beide Kammern des US-Kongresses gewonnen. Die Märkte haben am Mittwoch zweigeteilt reagiert: Der DAX stieg um 2,22 Prozent auf 26.437,67 Punkte, der Dow Jones um knapp drei Prozent, der Dollar fiel auf ein Monatstief. KI-nahe Werte gaben dagegen deutlich nach. Ich halte von diesen Reaktionen zwei für belastbar, den Zinsrückgang und das Risiko für Rechenzentren. Die übrigen hängen an Annahmen, die sich erst in Monaten prüfen lassen.
Was feststeht
Im Senat hielten die Republikaner bisher 53 der 100 Sitze. Nach dem Auszählungsstand vom Mittwoch haben die Demokraten mindestens sieben Sitze hinzugewonnen, darunter in Texas, Kansas, Ohio, Iowa, Maine, North Carolina und South Carolina, und kommen damit auf mindestens 54. Im Repräsentantenhaus, in dem alle 435 Sitze neu vergeben wurden, haben sie die Mehrheit zurückgeholt. Dazu kommen Gouverneursposten in bisher republikanischen Staaten, für Investoren am wichtigsten Texas.
Eine Einschränkung gehört direkt dazu: Gegen ein Veto des Präsidenten braucht der Kongress eine Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern. Die haben die Demokraten nicht. Washington ist bis 2028 geteilt, große Gesetzesvorhaben in beide Richtungen werden schwierig.
Übertragungsweg eins: Defizit und Anleihen
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fiel um 4,7 Basispunkte auf 4,918 Prozent, die zweijährige um 3,7 Basispunkte auf 4,597 Prozent. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar. Ein geteilter Kongress schließt ein weiteres republikanisches Haushaltspaket im Eilverfahren (Reconciliation, ein Verfahren, das im Senat mit einfacher Mehrheit auskommt) ab Januar praktisch aus. Damit fällt die größte Quelle für zusätzlichen Finanzierungsbedarf des Staates weg.
Morgan Stanley weist auf die Gegenrichtung hin: Die Demokraten könnten geplante Kürzungen bei Medicaid (rund 900 Milliarden Dollar über zehn Jahre) und bei der Lebensmittelhilfe SNAP (rund 200 Milliarden) verzögern oder abschwächen. Das stützt den Konsum, erhöht aber den Kreditbedarf. Die Bank rechnet in beiden Fällen mit einem Defizit von etwa sechs Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Zinsrückgang vom Mittwoch setzt also auf weniger zusätzliche Ausgaben. Mit Sparen rechnet niemand.
Übertragungsweg zwei: Rechenzentren
Hier liegt aus meiner Sicht das konkreteste Risiko, und es sitzt in den Bundesstaaten. Über Netzanschluss, Strompreise für Großverbraucher, Standorte und Steuernachlässe für Rechenzentren entscheiden Versorgungskommissionen, Landesparlamente und Bezirke. Die neue Gouverneurin von Texas, Gina Hinojosa, hat im Wahlkampf ein sofortiges Moratorium für neue Rechenzentren gefordert, bis das Parlament Schutzregeln beschließt. In Georgia und Ohio haben die Wahlsieger ähnliche Pausen vorgeschlagen. Texas steht nach Angaben von Russell Investments für rund ein Viertel der geplanten US-Rechenzentrumsprojekte.
Das erklärt, warum in Frankfurt ausgerechnet Infineon, Hochtief und Siemens Energy zu den Verlierern zählten. Alle drei verdienen am Bau oder an der Stromversorgung von Rechenzentren. Betroffen wären auch Klimatechnik, Elektroausrüstung und Versorger. Ob aus Wahlkampfforderungen Gesetze werden, ist offen. Morgan Stanley erwartet, dass der Investitionszyklus insgesamt intakt bleibt, aber regional zersplittert.
Dollar und Sektoren
Der Dollar fiel gegen alle wichtigen Währungen, der Dollar-Index auf ein Monatstief. Euro, Yen und Franken legten zu. Das passt zum Zinsrückgang und zu einer Einschätzung, die Morgan Stanley für die nächsten Wochen formuliert: defensive Währungen dürften gegenüber dem Dollar gewinnen. In Europa stiegen Banken um 2,8 Prozent, Vestas um fast fünf Prozent, Ørsted um 7,4 Prozent. SpaceX und Tesla gaben vorbörslich nach. Elon Musk hatte nach Angaben des Guardian 446 Millionen Dollar in republikanisch ausgerichtete Gruppen gesteckt.
Bei den Gewinnern bin ich vorsichtiger. Handels- und Zollpolitik, Außenpolitik und Exportkontrollen bleiben weitgehend Sache der Regierung. Ein Kongress kann Budgets begrenzen, etwa den geplanten Verteidigungshaushalt von 1,5 Billionen Dollar für 2027, aber er macht keine Zollpolitik. Wer am Mittwoch europäische Autowerte auf eine mildere Zollpolitik gekauft hat, wettet auf ein Verhalten des Präsidenten, das die Wahl nicht erzwingt.
Drei Dinge in dieser Reihenfolge: ob in Texas nach Amtsantritt ein Moratorium tatsächlich kommt, ob große Cloud-Anbieter in ihren nächsten Quartalsberichten Standorte verschieben, und wie sich die zweijährige US-Rendite bis zur Fed-Sitzung im Dezember entwickelt. Der Iran-Krieg bleibt der vierte Faktor, auf den der Kongress den geringsten direkten Zugriff hat.
Dieser Beitrag beschreibt Übertragungswege und stellt keine Prognose und keine Anlageberatung dar. Der Auszählungsstand und die Kurse beziehen sich auf den 4. November 2026 laut den unten angegebenen Quellen; einzelne Rennen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden.
Quellen
- Die Ergebnisse der Midterms in den USA in Zahlen und Karten04.11.2026
- US stocks rise, dollar slides as investors digest Democrats' midterm victories04.11.2026
- What the Democratic Midterm Sweep Could Mean for Markets04.11.2026
- What midterm results mean for policy and data center risk04.11.2026
Stand der Recherche: 4. November 2026. Kurse und Kennzahlen können sich seither verändert haben.